Sage zur Erbauung der Martinskirche

»Eines Tags, als Graf Atzimbart, ermüdet von der Jagd heimkehrte und sich niederlegte zur ersehnten Ruhe, da hatte er einen Traum. Es däuchte ihm, als ob ein Mann in weißem kleide vor ihm stünde, der Sprach: Als ich auf Erden wandelte, da hieß ich Martinus und nun bin ich unter den Heiligen Gottes. Dich hab´ ich erkoren, daß du eine Kirche bauest, und ich will ihr Schützer seyn. Du sollst abbrechen die Mauer deiner burg und aus ihren Steinen ein Haus bauen, dem Herrn zu Ehren, dort unten im Thale, wo der Flecken liegt. Zum Zeichen aber, wie es Gottes Wille ist, daß also geschehe, will ich dir offenbaren: Es wird sich eine Glocke finden, die schon lange in einem schlammigen See liegt, die soll der Erstling werden für das Gotteshaus und ewige Zeiten soll sie hängen im Thurme der Kirche. Da erwachte Atzimbart von seinem Traum. Kaum graute der Tag, als schon der Jäger des Grafen in´s Gemach trat. ‘Mein hoher Gebieter, sprach er, laßt euch melden eine seltsame Geschichte. Schon seit manchen Tagen lauerte ich auf ein Wildschwein, das Nachts aus dem Walde bricht und ringsum die Felder verheert. Ich kam auf seine Spur und verfolgte es gerade, als es vom Raube heimkehrte in die Waldung. Das Schwein floh an den See, der im Walde liegt und den man den Hinterlinger See heißt. Dort flüchtete es nach einer Stelle im Gestrüpp des Sees. Ich folgte ihm; siehe da, es lag bei vielen Jungen in einer Höhlung, und der Rand der Höhlung glänzte wie Metall. Ich untersuchte es näher, da war die Höhlung, in der das Schwein lag mit seinen Jungen, der Bauch einer ungeheuren Glocke, die das Schwein aus dem See gewälzt.’ Als der Jäger geendet hatte, da erkannte der Graf die Wahrheit der Worte, welche im Traum an ihn gesprochen waren.
Sogleich sandte er nun Leute an den See; mit ungeheurer Mühe wurde die Glocke aus dem Schlamme gezogen, unter Jubeln brachte man sie in den Flecken, wo die Kirche erbaut werden sollte. Zur Stunde ließ der Graf die Mauern seines stolzen Schlosses niederreißen; man führte die Steine hinab in den flecken und in kurzer Zeit stand eine schöne Kirche im Dorfe. In den Thurm der Kirche hing man die Glocke auf mit großer Freude, und ihr erster Klang tönte dem Grafen und seiner Gemahlin süß zu Ohr und Herz.
Als Frau Wilcha starb, ließ er ihre irdische Hülle gen Hirsau führen und dort beisetzen. Er selbst folgte ihrem Sarge und ging nicht mehr nach Sindelfingen zurück, sondern blieb im Kloster, nahm das Mönchsgewand an und trug es bis an sein seliges Sterben.«

(aus: „Chronik der Stadt und des Stifts Sindelfingen“, von O.F.H. Schönhuth, Böblingen 1864 - Der 1806 in Sindelfingen geborene Pfarrer
Ottmar Schönhuth war ein sehr bekannter Schrftsteller, Germanist und Historiker.)