Weltliches Chorherrenstift

Innenaufnahme der Sakristei

Über die äußere, bauliche Struktur des Stifts wissen wir wenig. Schon im 13. Jahrhundert hören wir von Kurien, also Höfen, die den Kanonikern, also den Chorherren als Pfründen überschrieben worden waren und in denen sie bei ihrer Anwesenheit in Sindelfingen wohnten.

Solche Höfe waren steuerfrei und unterstanden nur der Rechtsprechung des Stiftskapitels. Sie lagen direkt um das Stift herum verstreut – als einzige Kurie im Originalzustand ist noch das Haus Stiftstraße 2 erhalten. Beschreibungen zeigen außerdem, dass die eine Hofstatt des Propstes mit dem Wohngebäude und mehreren Scheunen direkt im Stiftsgelände gelegen war. Wahrscheinlich gehörte der Brunnen, der noch heute im Umfeld der Propstei liegt, zu diesem landwirtschaftlichen Komplex.

Um 1270 erbaut Chorherr Konrad von Wurmlingen, der auch der Kellermeister des Stiftskapitels war, eine neue Sakristei – in den nun »modernen« gotischen Formen. Diese vorsichtigen Anklänge erkennen wir an den 3 schmalen Fenstern der Ostseite und am Kreuzrippengewölbe im Inneren. Möglicherweise war die alte Sakristei bei den vielen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit beschädigt worden; aber natürlich wurde eine Sakristei gebraucht. Sie diente den Priestern und Ministranten als Vorbereitungs- und Umkleideraum, enthielt alles, was für den Gottesdienst benötigt wird: etwa die liturgischen Gewänder und Paramente, auch die liturgischen Geräte. Und im Mittelalter war es vielerorts üblich, neben dem Kirchenschatz auch wichtige Bücher in der Sakristei aufzubewahren – hier am Martinsstift vielleicht auch die erwähnte berühmte »Sindelfinger Chronik«.

Gemeinsame Wohnräume der Chorherren wird es aber nicht mehr gegeben haben und Dormitorium (der Bau mit den Schlafräumen) und Refektorium (der Esssaal) werden wohl von einigen Kaplänen genutzt worden sein. Diese hatten bei der häufigen Abwesenheit des Propstes und der »Herren« deren Aufgaben im Chor und an den Altären der Martinskirche zu versehen.
Diese Kapläne bezogen aber auch Schritt um Schritt eigene Gebäude im Gebiet des Stifts.

Damit hatte sich auch in Sindelfingen schon früh eine typische Entwicklung vollzogen: Das weltliche Chorherrenstift hatte seinen Güterbesitz in persönliche, einzelne Pfründen für die Chorherren aufgeteilt, die diese nun ganz selbstständig verwalteten.

Die mittelalterliche Martinskirche selbst müssen wir uns prächtig ausgestattet vorstellen. Wir können davon ausgehen, dass die Kirche völlig ausgemalt gewesen ist, so wie wir das etwa von den Kirchen auf der Insel Reichenau kennen.

Die kleinen romanischen Fenster, viel kleiner als die heutigen, werden nur wenig Licht hineingelassen haben.

Umso stärker werden die vielen Kerzen mit ihrem Schattenwurf gewirkt haben. Sie haben ununterbrochen gebrannt, denn immer ist irgendwo an den 13 Altären der Martinskirche eine Messe gelesen worden.

So soll noch einmal daran erinnert werden, dass schon für das Jahr 1100 ein Johannes-Täufer-Altar in der Krypta erwähnt ist und viele Stiftungen der danach kommenden Jahrhunderte – durch die Chorherren selbst, durch Adlige, aber auch durch Sindelfinger Bürgerinnen und Bürger – werden sich zum Beispiel auf Messen an diesem Altar bezogen haben.

Verlegung des Stifts nach Tübingen

Sandsteinrelief in der Martinskirche: Es zeigt Graf Eberhard I. und seine Mutter Mechthild

Der schon erwähnte Reichtum des Sindelfinger Stifts ist aber nun die Ursache dafür, dass es Sindelfingen verlassen musste: Es wurde nämlich 1477 nach Tübingen verlegt.

Grund dafür war die Entscheidung des Grafen Eberhard I., in Tübingen eine Universität zu gründen. Sicher hat ihn darin seine gebildete, aus der Universitätsstadt Heidelberg stammende Mutter Mechthild unterstützt.